17. Tag auf der Autobahn von Swetlogorsk bis Selenogradsk und weiter nach Rybatschi ( 79 km, einschl. kleine Abstecher )

Als der Wecker morgens eine Stunde zu früh klingelte, wussten wir noch nicht, was die/der Oblast Kaliningrad noch an Überraschungen für uns bereit hielt. In der Nacht hatte es heftigst gewittert und geschüttet. Zwei explosionsartige Donnerschläge weckten uns auf, aber wir schliefen trotz des lauten Regens wieder ein. Unsere in der Küche geparkten Räder konnten wir glücklicherweise also im Trockenen bepacken. Bei starkem Regen verliessen wir die am Rande von Swetlogorsk gelegene Unterkunft durch riesige Pfützen und total überschwemmte Strassen.

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Start im Regen

Die erste Steigung gleich in den Ort hinein bemerkten wir gar nicht richtig, weil wir so damit beschäftigt waren, den riesigen Pfützen wenigstens ein wenig auszuweichen, ohne die vorbeifahrenden Autos zu nerven. In Swetlogorsk-Innenstadt hielten wir Ausschau nach einem Cafe, um vor unserem richtigen Start zu frühstücken. Wir hatten nämlich zu unserer weiteren vorgesehenen Route folgenden Ratschlag im R1 -Führer gelesen : „An und nach Regentagen wird dieser Weg zu ‚Seenlandschaft‘ , daher die Empfehlung an sochen Tagen der A192 zu folgen und die Landstrasse nach Pionerski zu nutzen oder gleich die Autobahn zu nehmen.“ … Und auf der Autobahn sind wohl weniger Cafes oder Magasine zu finden! Prima, gleich am Bahnhof gab es ein Cafe mit angeschlagener Öffnungszeit von 9 bis 22 Uhr! Räder angeschlossen, Helm ab, aber die Tür blieb verriegelt. Die drinnen alles herrichtenden jungen Leute zeigten auf die Armbanduhr, was auch ich tat, und sie zeigte 9:40 ! Kopfschütteln. „Die wollen uns nicht so nassgeregnet in ihrem frisch geputzten Lokal“, war meine empörte Äusserung zu Rainer. Also im Regen weitersuchen. An der nächsten Ecke der „Königsbäcker‘ mit überdachter Terrasse.  Ebenfalls 9 bis 22 Uhr Öffnungszeit angeschlagen! Doch auch hier geschlossene Tür und Betriebsamkeit drinnen. Sehr merkwürdig! Eine junge Frau sprach uns auf Russisch an und irgenwie verstanden wir, dass der Laden in 15 Min öffnen würde. Nun kam ich auf die Idee, doch mal nach der Uhrzeit zu fragen : 8:45 Uhr. Jaja, meine liebe Gudrun, das  mit der einen Stunde weiter in Kaliningrad stimmt zwar, aber ohne Sommerzeit! Da es nirgends öffentliche Uhren gibt, hatten wir keinen Vergleich. Also in Kaliningrad auf dem Schiff nicht zu spät aufgestanden und unsere Handyuhrzeitumstellung ( tolles Wort ! )  hatte auch nicht versagt.  Wir beschlossen, die nun nur noch 10 Min. überdacht zu warten. Die junge Frau versuchte uns zu erklären, dass es 2 Strassen weiter ein tolles Frühstücksbuffet gäbe, wir wollten aber nichts Aufwendiges! Während wir noch warteten, kam sie plötzlich mit ihrem Handy und reichte es mir zum Hören. Sie hatte eine Englisch sprechende Freundin angerufen, die uns die Frühstücksbuffet-Geschichte noch einmal erkärte. Einfach rührend! Aber wir wollten wirklich nur Kaffee und frische Brötchen, die wir durch’s Schaufenster sahen. Gemütlich bei Starkregen neben unseren Fahrrädern auf der überdachten Terrasse haben wir genüsslich gefrühstückt. Das hat sich gelohnt. Es hatte nach einem letzten ordentlichen Guss aufgehört zu regnen! Wegen der noch vorhandenen dunklen Wolken behielten wir die volle Regenmontur an. Beim „doswidania“ zum Herren am Nachbartisch antwortete dieser auf Deutsch, fragte nach unserer Tour und erzählte von sich und seinen 3 Söhnen. Er war Oberst der Sowietarmee, stationiert in der DDR und arbeitete dort als Augenarzt. Jetzt wohne er in Prag und wäre hier im Urlaub. Dann wünschte er uns eine gute Fahrt und schwärmte von St. Petersburg.  Ihr werdet es kaum glauben, aber wir nahmen tatsächlich die Auffahrt auf die Autobahn! Ein breiter Standstreifen zum Fahren,

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Wo ist die Geschwindigkeitsbegrenzung für Radfahrer?

herrlich glatter Asphalt, wir düsten, unterstützt durch den meist von hinten kommenden Wind, mit 25 – 30 km/h über die Autobahn. Mein Zählspleen liess mich auf 12 km nur 88 PKW und 14 LKW ( einschl. Transporter )  vermerken, die uns überholten. Alle anderen waren wohl langsamer als wir! Wir sind vielleicht die Ersten, die von einem “ Wohlgefühl “ auf dieser Strecke berichten ! Weil die Autobahn auf einem Damm geführt wird, gab es die ganze Zeit über einen grossartigen Blick über das weite Land! Der Himmel klarte immer mehr auf, die Sonne zeigte sich, so dass wir uns nach der Autobahnabfahrt schnellstens unseres Regenoutfits entledigten. Dann Selenogradsk : am Anfang viele neue Hochhäuser in vielfältigen Stilen gebaut und vor allem :  alle mit Dach!!!

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Bedachungen

War ich begeistert! So sehen selbst Hochhäuser recht ansehnlich aus. Es wird viel gebaut in diesem mondänen Badeort, sowohl Häuser, als auch Strassen. Die breite und lange Promenade führte einen Radweg,  und der Blick auf die aufgewühlte Ostsee liess uns tief durchatmen. Wir konnten uns gut vorstellen, dass dieser Ort ein beliebter Ausflugsort für die Kaliningrader Bevölkerung ist. Während wir von der Promenade aus dem Bagger im Wasser zuschauten, wie er riesige Felsbrocken auf die vom Meer angegriffene Seite der Buhnen hob, kam eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn näher zu mir, lächelte mich an und stellte sich und ihren kleinen Sohn vor. Eine berührende Situation. Sie sprach weiter auf Russisch, deutete auf den Bagger. lächelte mich immer wieder an und verabschiedete sich mit ihrem Sohn wenig später.

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Promenade auch für Radler

Wir fuhren den Radweg auf der Promenade weiter, machten Halt an einem hot-dog-Stand, und nun war Rainer an der Reihe mit einer einfach netten Begegnung : ein uralter Mann schaute sich mehrmals intensiv unsere Schilder an ( nur auf Rainers Schild kann man Hamburg – St. Petersburg noch schwach erkennen ) , blickte dann lächelnd zu Rainer und drückte kopfnickend mehrfach die Daumen. Auf Russisch erzählte er anscheinend, dass er mal Deutsch sprechen konnte, das sei aber sehr lange her. Einige Wörter hat Rainer doch von seinen Russisch-Übungen behalten !  Vor allem aber erfahren wir immer wieder, wie hilfreich es ist, die kyrillischen Buchstaben gelernt zu haben. Es macht richtig Spass, wenn auch sehr langsam,  einzelne Wörter zu entziffern. Erstaunlich viele Wörter ergeben Sinn, wenn man sie lesen kann. Hinweisschilder auf Orte an den Strassen sind fast ausschliesslich in kyrillischer Schrift geschrieben. Die lange ebene Fahrt durch den Nationalpark Kurische Nehrung war geprägt von dichten unberührten Wäldern links und rechts der Strasse. Hohe Dünen, die den Blick zur Ostsee versperrten, schienen immer wieder durch. Zu Fuss über einen der wenigen Stichwege die Düne erklommem, zeigte sich ein menschenleerer endloser Samdstrand. Über viele Kilometer begleitete uns ein lautes und vielfältiges Vogelgezwitscher. In Rybatschi waren die Zugänge zum Haff meist abgesperrt, nur unser Hotel hat einen direkten Zugang mit eigenem Sandstrand. Hier auf der Nehrung gab es endlich wieder Räucherfisch, den wir mit Brot und Kefir aus dem Magasin genüsslich am Abend verspeisten. Anschliessend gönnten wir uns noch einen Salat und ein frisch gezapftes kühles Bier im Hotelrestaurant, wo wir die einzigen Gäste waren. Frühstücken können wir morgen erst ab 9 Uhr !

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