36. Tag von Narva nach Gurljewo ( 51 km )

Heute also begann das Abenteuer Russland – 2. Teil. Wieso eigentlich Abenteuer? Tja, irgendwie empfinden wir mehr Ungewissheit als in den Baltischen Staaten. Der Grenzübertritt war unproblematisch, kurze Wartezeit in der Fussgängerreihe ( etwas schwierig, mit den vollbepackten Rädern durch die schmalen Türen ), noch schnell Migrationskarten ausgefüllt, dann über die Brücke! Wir haben alles richtig gemacht, haben das Rad geschoben und nicht fotografiert! Auf russischer Seite war nur eine Kontrolle. Nun waren wir in Iwangorod. Da dort doch die gleiche Zeit ist wie in Estland ( wir hatten mit einer Stunde ‚Verlust‘ gerechnet ), haben wir uns für die blau eingetragene Extra-Route im Ort entschieden. Wir fahren nun mal gerne durch die ’normalen‘ Strassen und Wohngebiete. Unten am Fluss, genau gegenüber der Festung von Narva, von der aus wir gestern unseren jetzigen Standort sehen konnten, schauten wir hinüber nach Estland und fotografierten Narva von russischer Seite aus. Oben an der Strasse sahen wir die Grenzkontrolle und eine Grenzbeamtin, die uns entdeckt hatte. Wieder zurück nach oben, vorbei an der gewaltigen Festung von Iwangorod, an den neu entstehenden Villen mit Blick auf die Narva, aber auch an Wohnblöcken, die z. T. frisch renoviert waren. Nach diesem Exkurs bogen wir wieder auf die Hauptstrasse ein, die E 20, die nun für viele, viele km unsere Piste werden sollte. Nach ca. 1 bis 2 km hielt ein ziviles Fahrzeug direkt vor uns auf dem Seitenstreifen, zwei Grenzpolizisten stiegen aus und einer fragte uns auf Englisch nach unseren Papieren. Kein Problem, aber :’Nachtigall, ick hör dir trapsen!‘ – mir fiel sofort die Grenzbeamtin oben an der Strasse ein, die uns am Fluss gesehen hatte. Und richtig : „Warum sind Sie von dort gekommen? Die Transitstrecke führt doch geradeaus!“ Naja, haben wir halt auf unserem Plan die blaue Strecke des russischen Fahrradclubs ‚ Velo Piter‘ gezeigt, die wir gefahren sind. Hm, hm, eifriges Hin- und Hergerede untereinander, dann die Frage : “ Haben Sie fotografiert?“ Natürlich habe ich fotografiert, wollte doch die Festung auch von der russischen Seite aus betrachtet haben. “ Bitte Fotoapparat!“ Und als sie uns verhaften wollten, konnten wir ihnen schliesslich verständlich machen, dass wir unbedingt weiter müssten, weil wir doch , aus der Partnerstadt Hamburg kommend in St. Petersburg einen Termin mit Putin hätten. Da liessen sie uns weiterfahren .

NEIN, Scherz, das haben wir uns dann doch verkniffen !!! Also bekam er mein Handy, schaute sich die Fotos an, beratschlagte sich mit seinem Kollegen und erzählte uns immer wieder, auf den Stadtplan in unserem Radführer zeigend, dass wir im Grenzgebiet gewesen wären, was wir nicht durften, dass wir nur auf der Transitstrasse fahren dürften und schon gar nicht fotografieren ! Wir drückten unser Bedauern über unsere Unwissenheit aus, ich erklärte noch einmal, dass ich die Festung doch gerne von beiden Seiten fotografiert haben wollte, und wir bekamen das Handy zurück, ohne dass irgendein Foto gelöscht werden musste. Sachlich freundlich verabschiedeten sie sich, wünschten noch gute Weiterfahrt und kehrten mit ihrem Auto wieder um. Die waren tatsächlich uns hinterhergefahren! Ein wenig fühlten wir uns an die Berlin-Fahrten zu DDR – Zeiten erinnert. Ja, etwas Abenteuer hatten wir also schon!  Auf holprig geflicktem Asphalt fuhren wir schnurgerade den Seitenstreifen neben den uns mit hoher Geschwindigkeit überholenden PKWs und LKWs entlang. Angenehm war diese Passage bestimmt nicht, aber eigentlich auch nicht extrem unangenehm, zumal wir Rückenwind hatten. In der nächsten grösseren Stadt, Kingisepp, suchten wir nach ca. 25 km ein Cafe – war recht schnell gefunden, allerdings ohne jegliches Essen, nur Kaffee und andere Getränke. Eine Frau sprach uns auf Russisch an, als sie wohl unsere enttäuschten Gesichter sah. In der Nebenstrasse sei ca. 50 Meter weiter ein gutes Cafe mit Frühstück und Mittagessen. Rainer konnte seine Russisch-Kenntnisse anwenden, so dass der Frau klar geworden war, dass wir nicht nur Kaffee, sondern auch Essen wollten. Wären wir an dem an dem vorgeschlagenen Cafe vorbeigefahren, hätten wir nie die Idee gehabt, dort einzukehren! So aber schauten wir rein und waren total überrascht : gut besucht, eine grosse Auswahl süsser und herzhafter Speisen. Die Fahrräder stellten wir nach Überwindung einer Treppe direkt an dem Fenster vor unseren Plätzen abstellen. Mal wieder Glück gehabt : während des Essens ging ein kräftiger Regenguss nieder! Anschliessend schoben wir durch die Strassen, lasen uns gegenseitig laut die kyrillischen Wörter an den Geschäften und Anzeigen vor und freuten uns, dass wir beim lauten Lesen viele Wörter verstanden, weil sie phonetisch zu deutschen oder fremdsprachlichen Begriffen passten. Auch meine geringen Polnisch-Kenntnisse halfen ein wenig, da es doch einige sprachliche Ähnlichkeiten gibt. Das war in den Baltischen Staaten anders. Die Sprachen sind so fremd für uns, dass wir nur selten erahnen konnten, was wir lasen. Nach ausgiebigem Schieben und Lesen schwangen wir uns am Ortsende wieder auf unsere Sättel. Im weiteren Verlauf der Fahrt hatten wir leider nicht mehr so viel Glück. Drohend durch schwarze uns folgende Wolken angekündigt, gerieten wir in einen kräftigen Hagelschauer. Das Gewitter zog glücklicherweise mal wieder parallel zu uns in einiger Entfernung.

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Licht am Ende des Dunkels

Nun war es natürlich noch weniger spassig, von den rasenden Autos überholt zu werden, weil diese erheblich spritzten. Es gewitterte weiter, aber der Regen hatte aufgehört, als wir gleich am Amfang von Gurljewo unser Übernachtungs-Motel direkt an der etwas zurückliegenden Tankstelle entdeckten.

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Motel in der Einsamkeit

Erst nach einigen Missverständnissen und einem Telefonat war unsere gebuchte Übernachtung klar. Einer der beiden jungen Männer ( mutmasslich die Söhne der Chefin ) spricht und versteht Englisch. Unser obligatorischer Gang durch den Ort ( in diesem Falle nur wenige Häuser ) scheiterte am Wetter : es goss erneut, gewitterte, weitere schwarze Wolken in Sicht – nein, unsere Regenklamotten sollten erst einmal trocknen! Leider funktionierte das WLAN nicht, obwohl wir einen Verstärker bekamen.  Also nichts  mit bloggen, muss alles per Hand festgehalten werden, morgen ist alles vergessen!  Wir setzten uns in den Gastraum zu einem Kaffee. Am Nebentisch sassen drei Männer. Einer von ihnen begann, uns auf Russisch anzusprechen, auch fünf Wörter Deutsch waren dabei. Er erzählte und erzählte mit beeindruckender Gestik, strahlte, fragte, holte sein tablet aus dem Auro, zeigte uns Fotos von Freunden aus Deutschland und ich musste mit irgendjemandem telefonieren, der 7 Worte mehr Deutsch sprach ( bei schlechtem Empfang!) . Mit Sprachführer und Rainers gelernten Wörtern hatten wir fast ein Gespräch, mussten unbedingt einen Cognac ( keinen Vodka!) zusammen trinken und hatten viel Spass! Dann gab es noch ein gemeinsames Foto mit seinem und meinem tablet, und wir freuten uns, eine Hamburg-Mütze an den Mann zu bringen. Charascho!

 

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3 Kommentare zu “36. Tag von Narva nach Gurljewo ( 51 km )

  1. Jetzt schicken sie schon Fahrradfahrer als Spione nach Russland! Und damit die nicht auffallen, müssen sie vorher die ganze Strecke von HH bis zur russischen Grenze radeln! Seht zwielichtig und raffiniert!
    LG
    Silvia

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