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38. und letzter Tag von Sergiewskoje nach St. Petersburg ( 77 km )

Noch einmal für morgen zum „Ballett-Vortrags-Dinner“ ( so nannte Elena es jedenfalls ) verabredet, starteten wir mit meiner reparierten Gangschaltung die letzte Fahrrad-Etappe unseres Hamburg-St. Petersburg-Abenteuers. Ab der nächsten etwas grösseren Stadt Gostelitzy nahm der Verkehr auf unserer Strecke zu. Das Regenzeug konnten wir wieder ausziehen, weil die düsteren Wolken sich mehr und mehr verzogen. Schon in Peterhof schien die Sonne bei aber immer noch frischem Wind. Eine riesige Schloss-und Parkanlage wurde mal wieder von soo vielen Menschen besucht, dass wir an den Bussen vorbei mit dem Fahrrad eine grosse Runde drehten und ausser dem eingegitterten Hauptteil auch noch viele herrschaftliche Häuser, gerade in Renovierungsarbeiten steckende Stallungen und nicht eingezäunte Schlossgärten bewundern konnten

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Die Menschenmassen vor dem Schloss toppten noch mal die von uns schon beschriebenen Seehäfen und Metropolen.

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Abschreckung

Wir waren froh, mit dem Fahrrad einen Eindruck von der riesigen Anlage zu bekommen. Der weitere Weg nach St. Petersburg wurde immer voller, die Autofahrer meist sehr rücksichtsvoll. Nicht so ein aggressiv bellender, neben dem Absperrgitter zur Strasse neben uns herlaufender Schäferhund, der nach Ende des Gitter sofort auf uns losging. Rainer konnte ihn mit einem Tritt abwehren. Daraufhin sprang er mich an, erwischte meinen Fuss mit glücklicherweise festem Lederschuh. Es gab einen kurzen Schmerz, ich verlor nicht das Gleichgewicht ( war wirklich günstig wegen des Verkehrs neben mir!) , trat ordentlich in die Pedale und war den Hund los. In sicherer Entfernung hielt ich an, zog meinen Schuh aus, um nachzusehen, ob der Biss durch den Schuh gegangen war, weil es ein wenig weh tat. Entwarnung: keine Verletzung, nur ein wenig rot. Ein Autofahrer und seine Frau, die hinter mir fahrend wohl die Attacke  gesehen hatten, erkundigten sich, ob alles in Ordnung wäre. Immerhin! Die Weiterfahrt kostete viel Konzentration, und dennoch  betrachteten wir die riesigen Hochhaussiedlungen die grosse Strasse auf einigen Kilometern begleitend. Dagegen sind Steilshoop, Mümmelmannsberg und Osdorfer Born „Reihenhaussiedlungen“ . Erstaunlicherweise waren nicht alle hässlich, zwar sehr hoch, aber nicht unansehnlich. Das waren die neueren Bauten, die älteren waren sehr einförmig und verwohnter. Wann St. Peterburg als Stadt begann, haben wir leider nicht mitbekommen. So sind wir ganz unspektakulär in unseren Zielort eingefahren. Besonders beeindruckend war dann die lange Fahrt entlang eines Kanals. Die herrschaftlichen Bauten auf beiden Seiten, Blicke in die Seitenstrassen mit wieder anderen Fassaden, Kirchen, Palästen – wir wurden erschlagen von so viel Stadtschönheit, Zeugen eines einstigen Reichtums! Und das alles bei strahlender Sonne! Die Strasse mit unserer Unterkunft war schnell gefunden, die Unterkunft selber nicht. Wir brauchten wieder einmal Hilfe. Keine Hausnummern, das klitzekleine Schild neben vielen anderen Schildern haben wir glatt übersehen. Der Eingang liegt im Innenhof, und wir mussten erst einmal telefonieren und 20 Min. warten, bis wir endlich unsere Bleibe für die letzten Tage unserer Tour beziehen durften. Wir freuen uns sehr auf die nächsten Tage, denn was wir heute schon gesehen haben, verspricht uns einen tollen Aufenthalt!  Wir sind  2775 km geradelt, hatten Glück mit dem Wetter und sind unseren Rädern dankbar für gutes Durchhalten! Ersatzknie und -hüfte haben prima mitgespielt, Dank Frau Gellersen auch die Schulter! Das Herz hat wenig gemuckt, nur die polyneuropathiegeplagten Füsse/Beine ärgerten manchmal  bei und nach den längeren Strecken. Wir freuen uns riesig, dass alles so gut geklappt hat und sagen diesem Blog jetzt tschüss, weil wir ab morgen privat sind! Wir haben Kommentare, Mails und Whatsapps immer gerne gelesen und sagen Dank dafür! In Hamburg werden wir viel zu erzählen haben. Ina noch einmal vielen, vielen Dank für die Unterstützung und Erstellung der Karte!

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37. Tag von Gurljewo nach Sergiyevskoje ( 74 km )

Auf dem heutigen vorletzten Abschnitt unserer Tour lagen fast ausschliesslich kleine Orte mit nur wenigen Häusern. Also nahmen wir vor unserem Start gerne das Frühstücksangebot der usbekischen Familie, die die Restauration betrieb, an. Der wohlschmeckende Kaffee war tatsächlich der einzige bis zum Abend. In erster Linie hatten wir heute Wetter und z. T. sehr mässigen Strassenbelag. Das Regenzeug fand gleich zu Anfang seinen Einsatz und wurde sinnigerweise anbehalten. Zwischendurch lockte die Sonne zwar :‘ Fahrt holde Radler in meinem Schein und lasst die ollen Regenplünn sein!‘, aber: ‚Mein Rainer, mein Rainer, dreh‘ dich doch nur um,  überall dunkle Wolken um uns herum! ‚  Unsere letzte Unterkunft vor St. Petersburg sollte etwas ab von dem R1-Weg liegen, wie sie uns über booking.com beschrieben wurde. Mit russischer Strassenkarte 1 : 100 000 ausgerüstet, sind wir nur einmal falsch gefahren. Allerdings fanden wir auf dem richtigen Weg weder angegebenen Namen noch Nummer. Inzwischen war auf der holprigen Strasse ( naja, oder strassenähnlichem Abenteuerpfad!)  zum  zweiten Mal meine Kette abgesprungen. Dieses Mal wurde die Gangschaltung in Mitleidenschsft gezogen. Fazit : ich konnte nur noch im 1. Gang fahren. Als wir die Hauptstrasse wieder erreichten, offenkundig der genannte Ort zu Ende war, versuchte Rainer die Unterkunft telefonisch zu erreichen : russische mailbox! Haha! Wir hielten einen Trecker an, dessen junger Fahrer ein wenig Englisch sprach. Er zückte sein Handy, gab die Adresse ein und war ein wenig ratlos. Der nächste Autofahrer wurde angehalten, auch er bemühte sich mit Handy um irgendetwas. Schliesslich hielt ein drittes Auto, aus dem ein Ehepaar ausstieg, die Frau recht gut Deutsch sprechend. Ja, der Name käme ihr bekannt vor. Ihre jüngere Fahrerin erklärte gleich, dass sie wisse, wo die Adresse sei. Wir sollten dem Auto nur folgen. Rainer tat es zügig, ich im 1. Gang mühsam hinterher. An der Umzäunung eines neu enstehenden kleinen Ortes im Ort warteten sie auf mich.

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Wohnen in der bunten Wiese

Kaum waren wir auf dem Gelände kam uns auch schon die ziemlich gut Deutsch sprechende gesuchte Elena entgegen. Wir wurden zu einem der gepflegten grossen Holzhäuser geführt und haben hier schliesslich eine spitzenmässige Unterkunft mit Abendessen und Frühstück vorgefunden.

36. Tag von Narva nach Gurljewo ( 51 km )

Heute also begann das Abenteuer Russland – 2. Teil. Wieso eigentlich Abenteuer? Tja, irgendwie empfinden wir mehr Ungewissheit als in den Baltischen Staaten. Der Grenzübertritt war unproblematisch, kurze Wartezeit in der Fussgängerreihe ( etwas schwierig, mit den vollbepackten Rädern durch die schmalen Türen ), noch schnell Migrationskarten ausgefüllt, dann über die Brücke! Wir haben alles richtig gemacht, haben das Rad geschoben und nicht fotografiert! Auf russischer Seite war nur eine Kontrolle. Nun waren wir in Iwangorod. Da dort doch die gleiche Zeit ist wie in Estland ( wir hatten mit einer Stunde ‚Verlust‘ gerechnet ), haben wir uns für die blau eingetragene Extra-Route im Ort entschieden. Wir fahren nun mal gerne durch die ’normalen‘ Strassen und Wohngebiete. Unten am Fluss, genau gegenüber der Festung von Narva, von der aus wir gestern unseren jetzigen Standort sehen konnten, schauten wir hinüber nach Estland und fotografierten Narva von russischer Seite aus. Oben an der Strasse sahen wir die Grenzkontrolle und eine Grenzbeamtin, die uns entdeckt hatte. Wieder zurück nach oben, vorbei an der gewaltigen Festung von Iwangorod, an den neu entstehenden Villen mit Blick auf die Narva, aber auch an Wohnblöcken, die z. T. frisch renoviert waren. Nach diesem Exkurs bogen wir wieder auf die Hauptstrasse ein, die E 20, die nun für viele, viele km unsere Piste werden sollte. Nach ca. 1 bis 2 km hielt ein ziviles Fahrzeug direkt vor uns auf dem Seitenstreifen, zwei Grenzpolizisten stiegen aus und einer fragte uns auf Englisch nach unseren Papieren. Kein Problem, aber :’Nachtigall, ick hör dir trapsen!‘ – mir fiel sofort die Grenzbeamtin oben an der Strasse ein, die uns am Fluss gesehen hatte. Und richtig : „Warum sind Sie von dort gekommen? Die Transitstrecke führt doch geradeaus!“ Naja, haben wir halt auf unserem Plan die blaue Strecke des russischen Fahrradclubs ‚ Velo Piter‘ gezeigt, die wir gefahren sind. Hm, hm, eifriges Hin- und Hergerede untereinander, dann die Frage : “ Haben Sie fotografiert?“ Natürlich habe ich fotografiert, wollte doch die Festung auch von der russischen Seite aus betrachtet haben. “ Bitte Fotoapparat!“ Und als sie uns verhaften wollten, konnten wir ihnen schliesslich verständlich machen, dass wir unbedingt weiter müssten, weil wir doch , aus der Partnerstadt Hamburg kommend in St. Petersburg einen Termin mit Putin hätten. Da liessen sie uns weiterfahren .

NEIN, Scherz, das haben wir uns dann doch verkniffen !!! Also bekam er mein Handy, schaute sich die Fotos an, beratschlagte sich mit seinem Kollegen und erzählte uns immer wieder, auf den Stadtplan in unserem Radführer zeigend, dass wir im Grenzgebiet gewesen wären, was wir nicht durften, dass wir nur auf der Transitstrasse fahren dürften und schon gar nicht fotografieren ! Wir drückten unser Bedauern über unsere Unwissenheit aus, ich erklärte noch einmal, dass ich die Festung doch gerne von beiden Seiten fotografiert haben wollte, und wir bekamen das Handy zurück, ohne dass irgendein Foto gelöscht werden musste. Sachlich freundlich verabschiedeten sie sich, wünschten noch gute Weiterfahrt und kehrten mit ihrem Auto wieder um. Die waren tatsächlich uns hinterhergefahren! Ein wenig fühlten wir uns an die Berlin-Fahrten zu DDR – Zeiten erinnert. Ja, etwas Abenteuer hatten wir also schon!  Auf holprig geflicktem Asphalt fuhren wir schnurgerade den Seitenstreifen neben den uns mit hoher Geschwindigkeit überholenden PKWs und LKWs entlang. Angenehm war diese Passage bestimmt nicht, aber eigentlich auch nicht extrem unangenehm, zumal wir Rückenwind hatten. In der nächsten grösseren Stadt, Kingisepp, suchten wir nach ca. 25 km ein Cafe – war recht schnell gefunden, allerdings ohne jegliches Essen, nur Kaffee und andere Getränke. Eine Frau sprach uns auf Russisch an, als sie wohl unsere enttäuschten Gesichter sah. In der Nebenstrasse sei ca. 50 Meter weiter ein gutes Cafe mit Frühstück und Mittagessen. Rainer konnte seine Russisch-Kenntnisse anwenden, so dass der Frau klar geworden war, dass wir nicht nur Kaffee, sondern auch Essen wollten. Wären wir an dem an dem vorgeschlagenen Cafe vorbeigefahren, hätten wir nie die Idee gehabt, dort einzukehren! So aber schauten wir rein und waren total überrascht : gut besucht, eine grosse Auswahl süsser und herzhafter Speisen. Die Fahrräder stellten wir nach Überwindung einer Treppe direkt an dem Fenster vor unseren Plätzen abstellen. Mal wieder Glück gehabt : während des Essens ging ein kräftiger Regenguss nieder! Anschliessend schoben wir durch die Strassen, lasen uns gegenseitig laut die kyrillischen Wörter an den Geschäften und Anzeigen vor und freuten uns, dass wir beim lauten Lesen viele Wörter verstanden, weil sie phonetisch zu deutschen oder fremdsprachlichen Begriffen passten. Auch meine geringen Polnisch-Kenntnisse halfen ein wenig, da es doch einige sprachliche Ähnlichkeiten gibt. Das war in den Baltischen Staaten anders. Die Sprachen sind so fremd für uns, dass wir nur selten erahnen konnten, was wir lasen. Nach ausgiebigem Schieben und Lesen schwangen wir uns am Ortsende wieder auf unsere Sättel. Im weiteren Verlauf der Fahrt hatten wir leider nicht mehr so viel Glück. Drohend durch schwarze uns folgende Wolken angekündigt, gerieten wir in einen kräftigen Hagelschauer. Das Gewitter zog glücklicherweise mal wieder parallel zu uns in einiger Entfernung.

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Licht am Ende des Dunkels

Nun war es natürlich noch weniger spassig, von den rasenden Autos überholt zu werden, weil diese erheblich spritzten. Es gewitterte weiter, aber der Regen hatte aufgehört, als wir gleich am Amfang von Gurljewo unser Übernachtungs-Motel direkt an der etwas zurückliegenden Tankstelle entdeckten.

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Motel in der Einsamkeit

Erst nach einigen Missverständnissen und einem Telefonat war unsere gebuchte Übernachtung klar. Einer der beiden jungen Männer ( mutmasslich die Söhne der Chefin ) spricht und versteht Englisch. Unser obligatorischer Gang durch den Ort ( in diesem Falle nur wenige Häuser ) scheiterte am Wetter : es goss erneut, gewitterte, weitere schwarze Wolken in Sicht – nein, unsere Regenklamotten sollten erst einmal trocknen! Leider funktionierte das WLAN nicht, obwohl wir einen Verstärker bekamen.  Also nichts  mit bloggen, muss alles per Hand festgehalten werden, morgen ist alles vergessen!  Wir setzten uns in den Gastraum zu einem Kaffee. Am Nebentisch sassen drei Männer. Einer von ihnen begann, uns auf Russisch anzusprechen, auch fünf Wörter Deutsch waren dabei. Er erzählte und erzählte mit beeindruckender Gestik, strahlte, fragte, holte sein tablet aus dem Auro, zeigte uns Fotos von Freunden aus Deutschland und ich musste mit irgendjemandem telefonieren, der 7 Worte mehr Deutsch sprach ( bei schlechtem Empfang!) . Mit Sprachführer und Rainers gelernten Wörtern hatten wir fast ein Gespräch, mussten unbedingt einen Cognac ( keinen Vodka!) zusammen trinken und hatten viel Spass! Dann gab es noch ein gemeinsames Foto mit seinem und meinem tablet, und wir freuten uns, eine Hamburg-Mütze an den Mann zu bringen. Charascho!

 

35. Tag von Toila nach Narva ( 66 km )

Da wir am östlichen Stadtrand von Toila übernachtet haben, sind wir weiter an der Ostsee entlang gefahren und erst nach ca. 4 km wieder auf den R1 gestossen. Die dann angekündigte Schotterpiste war ganz gut zu befahren. Von Zeit zu Zeit mussten wir kurz anhalten und die Steilküste hinunter zur Ostsee schauen. Wir haben irgendwarum den Abzweiger von diesem Weg verpasst, kein R1-Schild an einer möglichen Abzweigung entdeckt. Da der Weg, auf dem wir fuhren, immer besser war als der jeweils abbiegende, fühlten wir uns auf der sicheren Seite. Und mir nichts dir nichts standen wir am Zaun der gigantischen Anlage, die zur Sanierung von Klärschlämmen vor der Stadt Sillamäe gebaut wurde. Also nahmen wir den Weg entlang des Zaunes zurück an die Fernverkehrsstrasse. Der war tatsächlich fast unbefahrbar: grober Schotter war eine echte Herausforderung für unsere Räder und uns. Nach ungefähr einem Kilometer erreichten wir wieder gut fahrbaren Schotterweg und später die Schnellstrasse. In Sillamäe erlebten wir das von Detlef Kaden beschriebene merkwürdige Gefühl. Der erste Teil, den wir durchfuhren, wies etliche renovierungsbedürftige Wohnblocks auf, dann plötzlich in die Jahre gekommene “ stalinistische Prunkbauten “  und Alleen. Wir fuhren eine dieser Alleen hoch an die Hauptstrasse und waren mitten im Zentrum mit schmucken Parkanlagen, einigen renovierten und restaurierten Prachtbauten, sowie einer bombastischen Treppe, die direkt auf einen breite langgestreckten Platz führte, der bis zur Ostsee reichte und wo anscheinend etwas ‚Grossartiges‘  im Entstehen ist.

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Auferstehung des alten Charmes?

Menschen sahen wir nur wenige.  Weiter führte uns die Hauptstrasse in den anderen Teil der Stadt mit vielen nicht unansehnlichen Wohnblocks und immer wieder Grün mittendrin. Hier fanden wir auch geöffnete Geschäfte, Cafes und kleine Stände mit Obst und Gemüse, vermutlich aus dem Garten. Es war trotz des Sonntags ( oder gerade wegen ? ) viel Leben auf der Strasse. Auch wenn das Wort interessant abgedroschen ist, für mich war diese Stadt einfach interessant! Weiter mit herrlichem Rückenwind und nur drohenden dunklen Wolken fuhren wir an riesigen Friedhöfen ,u.a. auch einem deutschen Soldatenfriedhof , vorbei, und erreichten Narva-Jöesuu, den Ferienort an der Mündung des Grenzflusses Narva. Die Narva-Mündung selbst bekamen wir trotz mehrerer Versuche nicht zu sehen. Alle möglichen Strassen und Wege waren abgesperrt, nur am Strand entlang durch die Dünen wäre der Blick wohl möglich gewesen. Das war nichts für uns und unsere Fahrräder. Am Strand war reges Treiben von Spaziergängern, einige Kinder buddelten im Sand, und es wurde Volleyball gespielt, im Wasser war niemand ( auch ich nicht!). Zum Glück sassen wir während des kräftigen Schauers zwischendurch gerade bei einer Solianka unterm Dach. Die nun folgende Etappe führte die ganze Zeit am Fluss entlang, bis wir unseren morgigen Grenzübertrittsort Narva erreichten. Imposant die beiden Festungen mit der Grenzbrücke.

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Bollwerke mit verbindender Brücke

Nachdem wir unsere Unterkunft nahe der Innenstadt „bezogen“ hatten und unsere Räder unter die Treppe im Innenraum stellen durften ( zunächst sollten sie draussen im Hof bei den Autos stehen, was uns natürlich nicht passte ), zogen wir los auf Stadterkundungstour. Mit vielen unterschiedlichen, neuen und nachhaltigen grossartigen Eindrücken verlassen wir Estland. Was wird uns in Russland erwarten?

34. Tag von Alajöe nach Toila ( 88 km ), inkl. ausführliche Erkundung von Toila

Nach der „Nacht der Nächte“ war es total ruhig heute, als wir gegen 9 Uhr starteten. Wir hatten erstaunlich gut schlafen können, weil die feiernden jungen Leute irgendwann zu anderen Gleichgesinnten in der Nachbarschaft zogen, und wir auch nachts nichts mehr hörten. Die „eisigen“ Nachttemperaturen von 3°C  konnten wir durch einen Elektroheizer in unserem Zimmer ertragen.  Nun brauchten wir also einen Kaffee unterwegs. Mal wieder waren wir zu früh für ein angekündigtes Cafe auf dem Wege. Nach 13 km hatten wir die Wahl, bei der Tankstelle um die Ecke draussen zu sitzen, oder weiter zu fahren, nicht wissend, wann es wieder eine Restauration oder ähnliche  Einrichtung für einen Kaffee gäbe. Wir ergriffen die Chance, einen grossen Becher hervorragenden Kaffees und appetitlich zubereitete belegte Brötchen zu bekommen.

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Danke Tanke!

Der Wind hatte heute Gutes mit uns vor, da unsere Hauptfahrtrichtung Nord/ Nordost war. Nach knapp 20 km konnten wir uns entscheiden, den gut „laufenden“ Weg an der Hauptstrasse oder den zum R1 gehörigen Umweg an einer Reihe von Seen entlang zu fahren. Im Radführer wird dieser Umweg so beschrieben :“ Der relativ gut ausgeschilderte Weg ist anfangs normal fahrbar, wird später aber dann zum schlechten Waldweg mit tiefen Löchern und grobkörnigen Schotterabschnitten. Glaubt man, das Gröbste hinter sich zu haben, tauchen tiefe Fahrrinnen auf, die die Schwertransporter des nahen Tagebaus hinterlassen haben – ein Weg also, der selbst bei trockenem Wetter nur bedingt für Fernradwanderer geeignet ist.“   Wir hatten bisher weder nennenswerte Steigungen noch Gegenwind gehabt, also brauchten wir noch eine Herausforderung,  Zudem wollten wir uns natürlich brav an die R1-Routenführung halten. Etwas mulmig war uns, als wir abbogen, aber Schieben lag zeitlich und kräftemässig heute allemal drin!  Jeden Kilometer, den wir mit über 10 km/h geschafft hatten, hakten wir ab! Ja, es gab Schlaglöcher – die waren aber unproblematisch zu umfahren auf dem relativ kurzen Stück. Ja, und es gab auch grobkörnigen Schotter – der hatte aber so festgefahrene Bahnen, dass die Fahrräder zufriedenstellend liefen. Und nein, wir mussten durch keine tiefen Fahrrinnen, die nur parallel zu unserem Weg verliefen. Es ist an diesem Teil des R1 anscheinend gearbeitet worden! Wir genossen also den wunderschönen Ausblick auf die hinter leichten Anhebungen liegenden Seen und fanden in einem Wintersportzentrum am Weg eine gute Gelegenheit zur Kaffeepause. Für die insgesamt 13 km des „Umweges“ haben wir eine Stunde reine Fahrzeit gebraucht. Da kann man nicht meckern! In unserem Übernachtungsort Toila, der wieder an der Ostsee liegt, waren wir recht früh, so dass wir auf jeden Fall noch den Ort erkunden wollten.  Wir waren beeindruckt von der Vielfältigkeit und den unglaublich vielen und grossen Parkanlagen des Ortes. Viele Spaziergänger waren unterwegs, um beim Campingplatz die Treppen die Steilküste hinab zu gehen, oder den bei der nächsten Stichstrasse in Serpentinen hinabführenden geteerten Weg an den steinigen Strand zu nehmen. Ein Fluss teilt den Ort, an seiner kleinen Mündung liegt ein Mini-Hafen und eine Art Restaurant, in dem es 5 Gerichte und einige Getränke aus Plastikgeschirr gab. Die steile Abfahrt zum Hafen musste auf der anderen Seite des Flusses natürlich wieder mit einem Aufstieg ausgeglichen werden. Also schieben angesagt! Wieder gab es eine grosse Parkanlage mit Schlosspark, einer breiten Schlossallee und vielen Rad-Fusswegen, die kräftig genutzt wurden. Auf dieser Seite des Flusses liegt unser ruhiges und sehr gemütliches ‚Holiday-Camp‘. Nach dem Absatteln und Ausbreiten in unserem Zimmer sind wir doch tatsächlich noch einmal mit dem Fahrrad los, um den Ort weiter zu erkunden. Das Spa-Hotel-Hochhaus gegenüber dem Campingplatz wirkte auf uns etwas deplaziert, schien aber nach Betrachtung des gefüllten Parkplatzes gut besucht zu sein. Wieder einen anderen Weg durch den Park, mehrere kleine Strassen und zurück zur Unterkunft. Eigentlich merkwürdig, dass ich so viel über diesen Ort schreibe. Aber er hat uns total fasziniert : die grossen Parkanlagen mit phantastisch ausgebauten Fuss-Radwegen, unterschiedliche „Abstiege“ zur Ostsee, viele Spaziergänger, aber praktisch keine Restaurationen, ausser dem Spa-Restaurant und dem “ missglückten“  Hafenrestaurant!

33. Tag von Kallaste nach Alajöe ( 96 km )

Ein traumhafter Morgen, um schnellstens von hier zu verschwinden. Die Sonne strahlte – aber es war kalt, keine 10°C ! Meist am See entlang, aber immer mit erheblichem Gegenwind, der uns kühl und ungemütlich ca. 50 km erhalten blieb, da bis dahin unsere Hauptfahrtrichtung Nord/Nordwest war. Durch die ineinander übergehenden kleinen Orte ab ca. 7 km vor dem nächst grösseren Ort Mustvee fahrend merkten wir den Gegenwind kaum, weil wir durch die Betrachtung der Häuser und Gärten gut abgelenkt waren. Alle Gärten schienen noch den letzten Schliff für den heutigen wichtigen Feiertag zu bekommen. Überall sahen wir kleine und grössere Holzhaufen aufgestellt für die Sonnenwendfeuer, und es wurden noch estnische Flaggen am Haus gehisst. Die grössere Stadt Mustvee dagegen wirkte sehr nüchtern. Wir waren so früh gestartet, dass wir zu früh hier ankamen, um eine geöffnete Restauration zu finden. Bei einer russischen Bäckerin deckten wir uns mit verschiedenen Küchlein ein –  herzhaft und süss , für 6 Stückchen zusammen 1,20€ ! – , die erst einmal ohne Kaffee verzehrt wurden. Während ich Wasser und Schokolade im Supermarkt einkaufte, wurde Rainer von einem Ehepaar angesprochen. Der Mann war aus Hamburg, hatte eine estnische Grossmutter gehabt und lebte nun seit der Wende hier mit seiner Frau. Inwischen war es 11 Uhr, und wir bekamen im einzigen Restaurant des Ortes, dem Hotel-Restaurant einen guten und erstaunlich günstigen Kaffee nebst Solianka. Nochmals knappe 30 km in westliche/norwestliche Richtung fahren machten nicht fürchterlich viel Spass! Der Himmel hatte sich schon lange bewölkt, nicht so bunt wie gestern, sondern eher grossflächig, dafür hat es aber den ganzen Tag nicht geregnet! Nach knapp 30 km in dem nächsten etwas grösseren Ort, kam uns der Johanniter-Bus des deutsch-estnischen Paares am Ortseingang entgegen. ( Der Mann hatte Rainer erzählt, dass er hier vor Ort eine estnische Zweigstelle der ‚Johanniter‘ betreut ) Wir stoppten beide, die Frau gab uns gerade frisch erstandene Erdbeeren und Gurken, deren Annahme zu verweigern wir keine Chance hatten. Dann wollte der Mann unsere Fahrräder in seinen Bus laden, um uns zu einem Kaffee zu sich nach Hause einzuladen. Leider mussten wir wegen der Zeit und der entgegengesetzten Richtung ablehnen. Dann machten sie uns noch auf das in diesem Ort herrschende Chaos wegen eines Jahrmarktes aufmerksam. Deswegen die vielen Autos auf unserem Weg! Aber wir sind ja mit Fahrrad, also galt das Chaos nicht für uns!!! Bei lecker selbstgebackenem Kuchen sassen wir vor dem Gemeindehaus-Restaurant gegenüber der Kirche mit Life-Musik von einem dort stattfindenden Konzert. Eine Frau bat darum, unsere Fahrräder fotografieren zu dürfen und bemerkte in gebrochenem Deutsch ;“ Gehäkelte Fahnen ist gute Idee!“, befühlte sie und fotografierte sie. Ein junger Mann interessierte sich für Fahrräder, Ausrüstung und Tour. Er berichtete, dass er demnächst eine Tour durch Estland machen wolle, im Sommer ! Jetzt sei hier ja noch Frühling! Es war tatsächlich immer noch ziemlich kühl. Aber durch die ab jetzt wechselnde Fahrtrichtung hatten wir eher Rückenwind, so war die Temperatur nicht mehr so unangenehm. In einem grossen Bogen wurden wir wieder an den See geführt. Die Grills in den Garten der schmucken Ferienhäuser oder den zahlreichen öffentlichen Picknickplätzen im Wald rauchten und die Musik , die von überall laut aus den kleinen und grösseren tragbaren „Musikboxen“ schallte, nahm zu. Unser Hostel liegt im Wald, direkt am See.

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Ruhe und Weite des Peipussees

Sauber und geräumig unser Zimmer mit Moskitogitter und das von 2 Zimmern gemeinsam genutzte WC mit Dusche. Schwarzbrot, Mettwurst und Bier genossen wir gemütlich am Strand mit weitem Blick über den See und jetzt zum Abend wieder Sonnenschein.